Red´s objects

"Part of the reason that Duchamp's objects are fascinating while Picasso's voice is fading is that the Duchamp pieces are truly between media, between sculpture and something else, while Picasso is readily classifiable as a painted ornament."

"Mit diesen Worten beschreibt Dick Higgins 1966 in seinem Statement über Intermedia das Ende einer Kunst, die in Kategorien eingeteilt ist. Seiner Meinung nach lag die Zukunft der Kunst in der Ausarbeitung des Happenings, wo Skulptur, Malerei, Poesie, Musik und Performance zu gleichberechtigten Teilen eines Werks werden. Und tatsächlich lässt sich diese Tendenz des gattungsübergreifenden Kunstwerks als eine Konstante in der Kunst des 20. Jahrhunderts sehen. Gleichzeitig sollte die Kunst mehr sein als ein bloßes Abbilden, sondern verstärkt den Betrachter und dessen eigene Kreativität in die Arbeiten einbezogen werden. Wer nur zusieht, nimmt nicht Teil" (Arthur Köpcke).

Eine erste Arbeit, die dieses neue Paradigma verdeutlicht, ist ein kleines Objekt von Marcel Duchamp "A bruit secret" (With Hidden Noise, 1916). Es besteht aus einem Schnurballen, dessen innerer Hohlraum oben und unten durch miteinander verschraubte Messingplatten abgedeckt ist. Darin befindet sich ein von Walter Arensberg - ein befreundeter Sammler - hineingelegter Gegenstand, der nicht einmal Duchamp bekannt war. Wenn das Objekt nun geschüttelt wird, entsteht ein Klang, der den Benutzer nun zur Spekulation veranlasst und gleichzeitig über das Wesen eines Geheimnis nachdenken lässt. Vor allem aber entstand eines der ersten Klangobjekte der Moderne und zeigt die vermehrte Einbeziehung von Musik in die Kunst. Durch die Erfindungen von Alexander G. Bell (Telefon) und Thomas A. Edison (Gramophon) waren Prototypen von Klangobjekten schon allgemein und damit auch die Verfügbarkeit von Klängen und Musik. Verbunden mit den Geräuschen des modernen Lebens reflektierten vor allem die Futuristen diese neuen Qualitäten von Klang. 1913 verfasste Luigi Russolo sein musikalisches Manifest "L´arte dei rumori", das er begleitend zur Präsentation seiner Geräuschmaschinen "Intonarumori" schrieb. Darin sah er gerade seine Laienhaftigkeit im Umgang mit Musik als Qualität seiner revolutionären Ideen. Das Intermedium, das er als musizierender Maler nutzte, öffnete ihm neue Möglichkeiten. Diese Unbekümmertheit im künstlerischen Experiment zeichnete sich schon im vorangegangenen Jahr-hundert ab in der dichtende Maler und malende Dichter wie Victor Hugo vermehrt auftraten.

Auf diesen Entwicklungen aufbauend konnten nun nach-folgende Künstlergenerationen - von den Dadaisten und Futuristen über Cage, Rauschenberg, Kaprow, Beuys, die Fluxuskünstler u.v.a bis heute - ihre Konzepte aufbauen. Dabei blieb Musik und Performance immer ein wesentlicher Punkt in der Vermittlung der künstlerischen Ideen. In diesen wird der Betrachter zunehmend seiner traditionellen Position als Passivum beraubt und immer stärker in den Prozess eingebunden. "Sound, music, noise, and even silence were temporal and, therefore, allowed the first Modernists to present the twentieth century ´s concept of time and space as a vital continuum in which the artist and the viewer and the subject and object of art were merged." (Suzanne Delehanty im Katalog zur Ausstellung "Soundings", Neuberger Museum, New York).

Gleichzeitig versagt sich das Ephemere der Aufführung einer klassischen Musealisierung. Dennoch schaffen es gerade Klangobjekte, diese Kluft zu überbrücken, weil: "The absence of sound is silence, the unknown; inaudible voices have always been metaphors for the visions of mystics and for revelations about an invisible world beyond our ken." (Suzanne Delehanty)Darum funktioniert Duchamps kleines Objekt auch unbewegt, ebenso wie Jean Tinguely's Maschinenskulpturen. Das Geheimnis bleibt. Red White sucht nun in seinen Klangobjekten nach Möglichkeiten, den Zwiespalt zwischen dem Organischen und der Maschine mit dieser Position zu verbinden; und so sind seine Maschinen nicht nur in die Dualität von Klang und Stille, sondern auch von Leben und Tod gestellt.

"Wall Flowers" entstand als Auftragsarbeit für eine Ausstellung der HDK Berlin ("Sonambiente" 1996) und zeigt Whites Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation der Stadt, die mit den Folgen des Mauerfalls umzugehen hat. Für mich war es eine Frage: Wenn aus diesen Mauerbruchstücken nun etwas wachsen würde, wie könnte es aussehen und welche Klänge würde es erzeugen?" (Red White). Entstanden ist ein Objekt aus Straßen-laternen, wie sie an der Überwachungsgrenze üblich waren, die zu einem Strauß" gebunden scheinen und so aus einem Pyramidensockel sprießen. Die Lampen selbst schalten sich alternierend ein und aus - sie erblühen und verwelken - während aus dem inneren der Pyramide die Klänge eines Theremins zu hören sind.

Der Erfinder des Theramin war ein russischer Radio-techniker (Leon Theramin) und wurde ein tragisches Opfer des kalten Krieges. Er feierte in den 50er Jahren große Erfolge mit weltweiten Aufführungen seines Instruments und wurde vom KGB wieder nach Russland verschleppt und von der westlichen Welt vergessen. Doch geblieben sind die sphärischen Klänge, die vor allem für verwegene Sci-Fi B-Movies und auch in Liedern der Beach Boys verwendet wurden. So erscheint uns auch "Wall Flowers" als ein irreales Gebilde, als ein Requisit eines solchen Sci-Fi Filmes, wie auch die Berliner Mauer rückblickend als Produkt eines schlechten Traums auf uns wirkt.

Robinson Caruso" hingegen thematisiert eine andere Problematik. Diese Arbeit wird im Zuge einer Performance vom Künstler bespielt, der sich im Inneren der Skulptur befindet. Zunächst erweckt diese Skulptur einen geschlossenen, monolithischen Eindruck. Die Konstruktion erinnert an eine Miniaturfabrik, deren matteweiße Haut aus Plexiglas keinen Blick nach Innen freigibt. Doch eine Unzahl von verschiedenen Beleuchtungsmechanismen und visuellen Effekten projiziert Farben und Formen von Innen auf diese Haut und gibt dadurch Zeichen nach außen. Durch die fluktuierenden Projektionen scheint nun die ganze Skulptur in Bewegung zu geraten und wird so zur belebten Maschine. Doch der Künstler-Maschinist im Inneren scheint in seiner selbstgebauten Welt seltsam verloren. Eine Entrückung, die durch die von Enrico Caruso gesungenen Arien noch verstärkt wird. Diesen Aspekt betont Red White: Man fühlt sich wie auf einer Insel - darum auch der Name - und man hat keine Vorstellung, wie das Publikum reagiert. Das ist eine eigenartige Erfahrung. "Robinson Caruso" vollzieht durch seine Bildsprache, Musik und auch im Titel (Daniel Dufoes Inselroman Robinson Crusoe) einen Rückgriff auf das 19.Jahrhundert, da sämtliche Probleme durch entsprechende Maschinen bewältigbar schienen. Der Mensch konnte sich, wie etwa Capitan Nemo in Jules Vernes Roman 20000 Meilen unter dem Meer", der Welt entsagen oder wie in Werner Herzogs Film "Fitzcarraldo" aberwitzige Vorhaben verwirklichen. Alle diese Figuren aber treiben physisch oder psychisch auf eine Isolation zu, die sie aus eigenen Mitteln kaum mehr durchbrechen können.

So stehen auch die beinahe autistischen Handlungen des Künstlers für ein Dilemma, in dem er zum einen versucht, das Publikum zu erreichen, aber an seinem selbst gebauten Kosmos scheitert und nur die Projektion seines Schaffens sichtbar werden kann, nie aber die Idee selbst.(Lediglich die Sprache/Musik kann diese Barriere überwinden.)

Diese Arbeitsmethode entwickelte Red White in seiner zuletzt entstandenen Arbeit "Big Baby" (in Cooperation mit Klaus Filip & Cynthia Schwertsik) noch weiter. Inspiriert wurde er dabei durch ein Interview, das George Lukas - der Erfinder von "Star Wars" - dem Magazin wire" (2/1997) gab. Darin warnte Lukas vor einer bedingungslosen Technikgläubigkeit, da sich schon heute geistige Intelligenz und emotionale Intelligenz, die er als wichtiger einstuft, in ihrer Entwicklung stark von einander entfernt haben. "We´re just as emotionally illiterate as we were 5000 years ago. And as these things grow apart, there´s going to be some kind of consequence of that. ( ) Even after Freud, we´re still bouncing around with so little sense of what controls that intellectual part. But I´m very optimistic. We managed to get past a nuclear era that was the perfect example of a stupid caveman with a club, a club that can destroy the planet. You can´t keep the intellectual side going without expanding emotional intelligence, too. Intellectual intelligence is not fair. It just gives you a bigger club. It doesn´t at all tell you how to use it. We´re still just figuring out how to make a bigger club."

"Big Baby" spiegelt diese Divergenz zwischen emotionaler und geistigerer Intellektualität in paradoxer Weise. Die Proportionen zwischen Kopf und Körper scheinen zunächst auf ein Übergewicht des Intellekts zu deuten, doch ist bei einem Kleinkind dieses Verhältnis gerade umgekehrt. Das geistige Potenzial muss erst entwickelt werden und so steht zuallererst der reine Trieb im Vorder-grund. Das Überleben sichert vorerst das Erlernen von sozialen Fähigkeiten. Durch den Maschinencharakter der Skulptur und der hölzerne Heuwagen, auf dem das Baby liegt, wird dieser Umstand noch akzentuiert. Beides - die Erfindung des Rads, wie die Erschaffung eines Androiden - sind zeitlich weit von einander entfernte Symbole für den menschlichen Erfindungsgeist. Doch hat der Mensch noch immer nicht gelernt mit dem Rad, sprich Auto, emotionell vernünftig umzugehen.

Eine weitere Keule, von der Lukas spricht, ist aktueller Weise die Gentechnik, die den Menschen selbst immer mehr zur reinen Maschine degradiert. Je weiter die genetischen Schlüssel erforscht werden, umso gläserner wird der Mensch. Und in Zukunft werden genetische Faktoren bei der Arbeitsplatzsuche, den Abschlüssen von Lebensversicherungen oder der Suche nach einem Lebenspartner eine immer wichtigere Rolle spielen.

In seiner Erscheinung wirkt "Big Baby" monströs und archaisch, ähnlich den riesigen Steinköpfen der mexikanischen Olmekenkultur, die auch baby faces" genannt werden. Wird die Skulptur jedoch bespielt, erwacht sie zum Leben. Doch es ist keine menschliches Leben sondern ein von Menschen geschaffenes. Darum verwendet Red White hier computergenerierte Musik aus dem Laptop. Die Plexiglashaut wird wieder zur Projektionsfläche für innere Handlungen - aber umgekehrt auch für Phantasien von Außen. Eine der Stärken von Red Whites Skulpturen ist deren Möglichkeit, sich gleichzeitig zu bespielen und so aus den einzelnen Inseln eine wahre Landschaft in sound and vision" zu schaffen. Denn der Künstler möchte gerade durch den vordergründigen Effekt einer Maschinenkunst die Emotionen des Betrachters erreichen - und darum geht es in der Kunst: die emotionelle Evolution.

Peter Kloser, Kunsthistoriker